Zwischen Tanz und Nacht
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    Programm

    Erster Teil

    Frédéric Chopin (1810–1849)
    Mazurken

    • op. 33 Nr. 1 gis-Moll

    • op. 33 Nr. 4 h-Moll

    • op. 17 Nr. 1 B-Dur

    • op. 17 Nr. 2 e-Moll

    • op. 17 Nr. 3 As-Dur

    • op. 17 Nr. 4 a-Moll

    Karol Szymanowski (1882–1937)
    Vier Mazurken op. 50

    • Nr. 1 e-Moll

    • Nr. 2 A-Dur

    • Nr. 3 cis-Moll

    • Nr. 4 B-Dur

    Felix Blumenfeld (1863–1931)
    Zwei Mazurken op. 35

    • Nr. 2 c-Moll

    • Nr. 1 As-Dur

    Pause


    Zweiter Teil

    Frédéric Chopin
    Nocturne op. 9 Nr. 1 b-Moll

    Stanislav Lyudkevych (1879-1979)
    Nocturne cis-Moll

    Sergei Bortkiewicz (1877–1952)
    Lyrica Nova op. 59

    1. Fis-Dur – con moto festoso

    2. b-Moll – Andantino

    3. Fis-Dur – Andantino

    4. Des-Dur- con slancio

    Viktor Kosenko (1896–1938)
    Drei Mazurken op. 15

    • Nr. 1 fis-Moll

    • Nr. 2 Des-Dur

    • Nr. 3 cis-Moll

    Sergei Bortkiewicz
    Drei Mazurken op. 64

    • Nr. 1 a-Moll

    • Nr. 2 E-Dur

    • Nr. 3 fis-Dur

Mazurken und Nocturnes – ein Dialog zwischen Polen und der Ukraine

Dieses Konzert versteht sich als ein musikalischer Dialog zwischen Polen und der Ukraine. Zwei Kulturräume begegnen einander in Formen, die ihnen gemeinsam sind – in der Mazurka und im Nocturne. Ohne Frédéric Chopin wäre ein solcher Abend nicht denkbar. Er steht am Ursprung beider Gattungen in ihrer poetischen Gestalt und bleibt ihr leuchtender Bezugspunkt.

Chopin verwandelte die Mazurka von einem volkstümlichen Tanz in eine intime musikalische Miniatur – voller feiner Rubati, harmonischer Kühnheit und innerer Spannung. Ebenso schuf er mit dem Nocturne eine neue Klangsprache der Nacht: Musik des Innehaltens, des leisen Sprechens, der Nähe. Seine Werke sind keine Beschreibungen, sondern Erinnerungen – persönlich, zerbrechlich, wahrhaftig.

Von diesem Ursprung aus entfaltet sich der Abend weiter.


Ein ganz anderer Weg führt zu Karol Szymanowski. Er fand vergleichsweise spät in seinem Schaffen zur Mazurka – und eröffnete ihr eine neue Perspektive. Seine Mazurken op. 50 entstanden in den Bergen der Tatra, inspiriert von der archaischen Goralen-Volksmusik aus Zakopane. Unregelmäßige Rhythmen, raue Klangfarben und freie melodische Linien verbinden sich hier mit moderner Harmonik und impressionistischer Leuchtkraft. Diese Musik ist weniger Tanz als Klanglandschaft, weniger Salon als Gebirge. Der Zyklus ist Anton Rubinstein gewidmet – ein bewusster Dialog zwischen Tradition und Erneuerung.


Eine feinere, lyrischere Stimme bringt Felix Blumenfeld ein. Als Verwandter Szymanowskis verband ihn mit ihm nicht nur familiäre Nähe, sondern auch ein intensives gemeinsames Musizieren. Blumenfelds Mazurken tragen slawische Eleganz und kultivierte Wärme in sich – Musik von stiller Noblesse, die eher andeutet als ausspricht.


Der zweite Teil des Abends wendet sich stärker der Nacht zu.

Chopins Nocturne op. 9 Nr. 1 gehört zu den bekanntesten Stücken der Klavierliteratur. Es ist Musik von schwebender Einfachheit, von atmender Melancholie. Die Zeit scheint darin stillzustehen; jede Phrase wirkt wie ein leiser Gedanke. Dieses Nocturne ist weniger ein musikalisches Ereignis als ein Zustand – ein Moment innerer Sammlung, in dem das Klavier zu sprechen beginnt, ohne zu erklären.


Darauf antwortet das Nocturne von Stanislav Lyudkevych – ein Werk von besonderer Intimität. Es entstand am 24. Dezember in den Nachkriegsjahren und ist mit einer persönlichen Geschichte verbunden. Lyudkevych spielte dieses Nocturne an jenem Abend seiner Gastgeberin, der ukrainischen Geophysikerin und Seismologin Olha Olena Yurkevych, vor. In ihren späteren Aufzeichnungen beschreibt sie eine Beziehung zwischen Nähe und Distanz, zwischen Einfachheit und innerer Spannung – eine stille Verbundenheit, die sich unmittelbar in der Musik spiegelt.


Mit Sergei Bortkiewicz öffnet sich die Nacht zu einem größeren lyrischen Raum. Lyrica Nova op. 59 lässt sich wie ein Roman ohne Worte hören – oder wie vier kurze Poeme, vier Momentaufnahmen innerer Zustände. Die Musik ist durch und durch lyrisch, zutiefst romantisch, voller Gesanglichkeit und seelischer Bewegung. Kein geschlossenes Konzept, sondern ein freies Schweifen zwischen Licht und Schatten.


Die Mazurka kehrt schließlich zurück – verwandelt durch persönliche Erfahrung.

Viktor Kosenko, in Warschau geboren, war tief verliebt in Chopins Musik. Diese Nähe ist in seinen Mazurken deutlich spürbar: Sie greifen Chopins poetische Sprache auf und erweitern sie um neue harmonische Wege, um eine sehr persönliche, ukrainische Klangwelt.

Den Abschluss bilden erneut Mazurken von Sergei Bortkiewicz – Musik von salonhafter Eleganz und slawischer Melancholie. Hier wird der Tanz noch einmal zum Spiegel innerer Bewegung, getragen von Noblesse und pianistischem Glanz.

So begegnen sich an diesem Abend Polen und die Ukraine nicht als Gegensätze, sondern als verwandte Stimmen – verbunden durch Mazurka und Nocturne, durch Erinnerung, Nähe und eine gemeinsame poetische Tradition.